Kindergeschichten


 

                                      

 Marcus und der Rabe                   

 

 

Marcus ist ein streitsüchtiger Junge, der stets beweisen will, dass er stark ist und sich nichts gefallen lässt.

Die anderen Kinder fürchten ihn und gehen ihm aus dem Weg.

Den Erwachsenen gibt Marcus freche Antworten, und er wird trotzig, wenn sie ihn rügen.

Oft bekommt er große Wut, und er wirft dann irgendeinen Gegenstand, den er erreichen kann, auf den Boden oder schlägt laut die Tür zu.

 

Eines späten Abends fliegt plötzlich ein Rabe durchs offene Fenster in Marcus’ Zimmer.

 

Er krächzt laut: „ Krah, krah,

der Rabe ist als Helfer da.

Hör’ zu, du Streitsüchtiger, du,

ich will dir jetzt im Nu

eine Geschichte erzählen,

die rechten Worte wählen,

damit deine Wut vergeht

und Freundschaft entsteht!“

 

„Viele, viele Raben wohnen in den Bergen, und es gibt da einen netten Raben, der lieb mit den anderen Rabenkindern spielt.“

 

Doch ... plötzlich wird alles anders. Höre gut zu! :

 

Die Rabeneltern müssen ein neues Nest bauen, und sie sind so damit beschäftigt, dass sie kaum noch Zeit für ihren kleinen Jungen haben. Das ärgert diesen sehr. Zornig ist er, enttäuscht und auch unglücklich.

Haben die Eltern doch einmal Zeit und fragen den kleinen Raben etwas, so antwortet er mürrisch und trotzig. Auf seine Spielgefährten hackt er wütend mit seinem Schnabel und reißt ihnen sogar manchmal Federn heraus.

So kommt es, dass niemand mehr etwas mit dem Kleinen zu tun haben will.

 

Er beginnt nun immer mehr die anderen zu quälen, wird immer frecher zu den Erwachsenen und verstockt gegenüber seinen Eltern. Nun wissen sich die Eltern gar nicht mehr zu helfen, und sie suchen Rat und Hilfe bei einem weisen Zwerg, der auf dem Gipfel eines Berges wohnt.

Der Zwerg rät ihnen, ihren Jungen einige Zeit bei ihm wohnen zu lassen.

So geschieht es.

 

Die Eltern bringen ihren Jungen zu ihm, und das Rabenkind wird freundlich von seinem Pflegevater empfangen.

„Ach, ich bin so froh, dass du gekommen bist und dass du mir ein wenig helfen wirst! Bitte tu’ mir einen Gefallen und bringe Heilkraut zu dem Bären, der krank ist und weiter unten im Wald wohnt. Willst du das für mich übernehmen?“

Das Rabenkind zögert etwas, doch dann antwortet es schnippisch: „ Meinetwegen, es ist ja eh langweilig hier!“

„Danke dir, ich freue mich, dass ich mich auf dich verlassen kann“, meint der Zwerg.

Diese Worte feuern den Rabenjungen an, und er fliegt frohen Mutes zu dem Bären, um ihm das Heilkraut zu bringen. Der Bär wird bald gesund und ein Freund des Raben.

Nun macht es dem Raben Spaß, anderen zu helfen und auf diese Weise gesellen sich weitere Freunde zu ihm.

Eines Tages kommen die Eltern angeflogen, und sie sind sehr glücklich, dass sie ihren Jungen so verwandelt finden.

Der Zwerg verabschiedet sich und meint: „Besuche mich doch mal und berichte mir, welche Freunde du noch hinzu gewonnen hast!

Der Kleine ist klug geworden – so besitzt er auch in seiner Heimat bald Freunde.“

Mit diesem Satz endet die Erzählung des Raben.

 

Da kommt Marcus plötzlich ein Gedanke: „Bist du etwa jener kleine Rabe, und willst du mir helfen?“

Der Rabe nickt. Er gibt Marcus ein Heilkraut mit vier Blättern mit und krächzt:

„Wirst du wütend,

so reibe ein Blatt –

wende es um

und streiche es glatt,

zähle langsam

von eins bis vier –

weg ist der Zorn –

glaube es mir!“

 

Und flugs verschwindet er ...

 

Marcus nimmt sich fest vor, die Ratschläge des Raben zu befolgen. Wird er doch einmal ärgerlich oder zornig, nimmt er das Heilblatt zur Hand, berührt jedes Blatt und zählt langsam von eins bis vier.

 

Dabei erinnert er sich an die Geschichte des Raben, und der Zorn ist beinahe verflogen.

 

 

 

 

                                    

Felix heißt der Glückliche

 

Felix, das kleine Schwalbenkind, war noch nicht alt genug, um allein ins Vogelleben hinaus zu ziehen.

Neugierig und unbeholfen steckte er sein winziges Köpfchen weit aus dem Nest, das seine Eltern unter einem Bootsteg  angelegt hatten

Plumps! Der Kleine stürzte ins Wasser.

Das bemerkte ein Fischer, der dort sein Boot festgemacht hatte, und er hob ihn mit einem Netz  heraus. Achtlos setzte er den tollpatschigen Kerl an den Rand des Bootssteges und kümmerte sich nicht mehr um ihn.

 

Da saß er nun. Er zitterte vor Angst und Kälte, die Flügel hingen herab und seine Äuglein hielt er geschlossen, gerade so, als wolle er nichts mehr sehen, was um ihn herum vorgeht.

 

 

 Ralswiek-am Bootsteg

 

Doch - welch’ glücklicher Zufall!

Andy ging mit seinen Großeltern dort vorbei. Oma entdeckte den einsamen Vogel zuerst.

Sie bückte sich zu ihm hinab und nahm ihn in ihre Hand. Sie fühlte dieses Fliegengewicht fast nicht, spürte nur dessen Zittern. Sanft streichelte sie den Vogel und schloss ihre Hand über ihm, um Wärme zu spenden.

Andy wollte sich auch nicht von dem Unglücksvogel trennen. Seine Oma legte ihm den Vogel in die Hände. Mitleid regte sich in dem Jungen und eine Idee blitzte in seinem Kopf.

Sie wollten den Vogel mit in ihr Hotel nehmen, um ihn dort  aufzupäppeln.

Allerdings waren sie sich nicht sicher, ob nun Opa diesem Vorhaben beipflichten würde.

Schließlich hatten sie Erfolg und nahmen den kleinen Matz mit dem Auto mit.

Während der Fahrt trocknete der Kleine fast und er blinzelte bereits neugierig, wo er denn nun sei.

Im Hotelzimmer baute ihm Oma in einer großen Brotbüchse ein schönes, warmes Nestchen.

Als Unterlage legte sie einige Tempotaschentücher, darauf etwas Gras.

Geduldig versuchten sie das Vöglein, das ein wunderschön blausamtig schimmerndes Köpfchen hatte, zu tränken und zu füttern.

Nach langem, langem Mühen nahm er Wasser und Keksbrei an.

Am Abend setzten sie ihn mit seinem kleinen Nest auf den Balkon. Und es dauerte nicht lange, wollte er schon heraus krabbeln. Andy baute ihm als Schutz eine Mauer aus seinen Büchern, damit der Vogel nicht vom Balkon falle.

 

Am frühen Morgen fütterten sie ihn und er piepste schon ein wenig und schüttelte sein Federkleid.

Andy schob den Schutzwall beiseite.

Plötzlich kam eine Schar Schwalben, kreiste über dem Haus gegenüber. Schwupp – der kleine Findling schwang sich auf die Balkonbrüstung und flog in weitem Bogen auf das Dach des gegenüberstehenden Hauses. Ein wenig erschöpft, aber wohl glücklich schien er zu sein.

 

Andy und Oma befiel Traurigkeit, dann aber kam die Freude, denn Felix hatte seinen Weg in die Freiheit selbst gefunden. Seine Freunde wiesen ihm den Weg.

 

„Viel Glück und pass’ gut auf dich auf!“, riefen ihm die Beiden nach. Sie waren sehr stolz, dass sie einem kleinen Lebewesen geholfen haben.

 

Und... wer weiß: Sicher hätte Felix am Bootssteg nicht überlebt. Es gab dort eine große schwarz – weiß gefleckte Katze, die um ihn herum schlich.

                                 © Silvia Grad

 

 

 

 

                                                                   

Frech – Dachs

 

Schon längst war die Sonne untergegangen. Durch die Zweige der Waldschlucht schimmerte der Halbmond.

Unter dichtem Farn am Fuße eines Felsens erklangen Schnaufgeräusche. Sie hörten sich an, als ob sich ein alter Mann eine Erkältung zugezogen hätte.

Aber es war eine Dachsfamilie, die einen nächtlichen Ausflug unternahm:

Vater, Mutter und die Dachskinder Mela, Kuno, Bruno und Juno. Endlich durften die Kleinen spielen! Lang genug waren sie in ihrem engen Bau gewesen!

Unterwegs fand Kuno einen Steinpilz. Er drehte ihn ab und brachte ihn Bruno. Als jener den Leckerbissen verzehren wollte, schnappte Kuno diesen schnell wieder weg und rannte davon. Bruno und Mela flitzten hinterdrein, denn sie vermuteten Abenteuerliches.

Kuno schlug eine enge Kurve und befand sich so hinter seiner Schwester. Schließlich rannten alle im Kreis. Nach einigen Runden holte Kuno seine Schwester ein und zwickte sie in den Po. Mela fiepte, warf sich herum und wollte sich rächen. Doch da ihre Geschwister Kehrt machten, setzte sich das Gerenne im Kreis fort.

Ganz schön munter, diese Tierkinder!

 

Der Dachsvater prustete laut, weil er von den Tobereien seiner Sprösslinge genug hatte. Das Prusten bedeutet in Dachssprache soviel wie: Achtung, ab in Deckung!

Auf der Stelle lagen die Dachskinder im Heidekraut, völlig bewegungslos und drückten sich flach auf den Boden.

Vater Grimbart hatte seine Rasselbande wieder unter Kontrolle.

Dann begann die nächtliche Wanderung durch die Schlucht. Plötzlich kam in die kleine Gesellschaft Bewegung.

Eine Art Rutschbahn führte von einer Klippe einige Meter herab. Wie auf Kommando sprangen alle in die Rutschrille. Ab ging die Post! Unten purzelten die kleinen Dachse übereinander und quietschten vor Vergnügen. Vater Dachs prustete wieder sein „ Prsch!“. Schnell lagen alle Familienmitglieder wieder reglos auf dem Bauch.

 

Plötzlich schnüffelten sie wachsam. Hier roch es doch nach Mensch!

Vater Grimbart mahnte zur Vorsicht. Hatten doch die Menschen mitten in ihrem Wanderweg Zelte aufgebaut! Nein, so was!

Sie überlegten, wie sie diese Hindernisse beseitigen könnten. Schließlich waren sie überaus ordnungsliebend.

Mehrmals schnupperten sie um die Zelte herum. Keiner der Menschen hielt Wache. Sie ,dachsten’ also schon!

Nun denn, frisch gewagt und munter ans Werk! Vater Grimbart biss eine Spannleine nach der anderen durch. Plötzlich kam leichter Wind auf und schwupp - das Zelt stürzte ein! Es begrub nicht nur die Dachskinder, sondern auch die Menschen, die sich darin befanden.

Einer schrie: „Hiiiilfe, Wildschweine!“ Ein anderer rief: „ Auf die Bäume rauf, los!“

Das war ein wildes Gekreische und wüstes Durcheinander! Am schnellsten wuselten sich die Dachskinder aus dem Verwirrspiel. Sie eilten davon. Der Appetit war ihnen vorerst vergangen. Vater Grimbart raunzte erst sein Weibchen, dann die Kinder an. Er war stinksauer! Missmutig trotteten sie heimwärts.

 

Unverhofft gab die Dachsfrau schmatzende Laute von sich. Auf einer Waldlichtung hatte sie das Erdnest eines Wespenstaates entdeckt. In Eile wurde es ausgegraben. Die Brutwaben samt Stachelinsekten, die des Nachts ,stechuntüchtig’ sind, wurden mit großem Appetit verzehrt. So war die gute Stimmung bei Familie Dachs wiederhergestellt.

Die kleinen Dachskinder trabten vergnügt neuen Abenteuern entgegen.

 

 

 

 

 

 

 

Unverhoffte Begegnung

 

Ein warmer Sommertag im Juli. Jonas fuhr mit seinem Fahrrad einen Waldweg entlang. Endlich konnte er seinen Rucksack in die Ecke stellen, denn gestern erhielten die Schüler der vierten Klasse ihre Zeugnisse. Er überlegte, was er an seinem ersten Ferientag anfangen sollte. Der Junge dachte an seinen Freund Peter, der mit seinen Eltern in die Türkei geflogen war. Ausgerechnet jetzt, wo sie so ein schönes Baumhaus gebaut hatten!

Er fühlte sich einsam und verlassen. Zu nichts hatte er Lust.

 

Jonas stieg vom Fahrrad ab und schob es eine Weile neben sich her. Auf einer bunten Sommerwiese leuchteten Mohnblumen, Margeriten und Kornblumen.

Jonas lehnte sein Fahrrad an einen Baum und setzte sich in die bunte Wiese. Während er sich ausruhte, beobachtete er das lustige Treiben des Getiers. Auf einem dünnen Grashalm kroch ein Käfer in die Höhe. Dieser wollte zur Rispe hinauf, war aber zu schwer... und siehe da... der Halm knickte in der Mitte! Käfer und Rispe sanken zu Boden. Eine Weile lag der Käfer auf dem Rücken, als müsse er sich erholen, dann krabbelte er wieder nach oben.

An der Spitze von Jonas Schuhen mühten sich Ameisen, eine kleine grüne Raupe in ihren Bau zu bringen. Die eine davon zog nach links hin, die andere nach rechts.

Plötzlich wurde Jonas aus seinen Beobachtungen gerissen. Ein Hase hoppelte über die Wiese. Jonas schwang sich flink auf sein Fahrrad und versuchte dem Hasen zu folgen. Jener flitzte in einen Seitenweg, Jonas hinterher. Dabei hätte er fast ein hölzernes Tor übersehen. Der Hase war verschwunden.

 

Jonas stieg vom Rad, lehnte es an eine Mauer und erkundete, wo er sich befand.

Unvermittelt vernahm er lautes Schnauben. Der Junge zog sich am Tor hoch und blickte in zwei große Pferdeaugen. Das Pony bleckte seine kräftigen Zähne. Jonas flüsterte ängstlich: „Beiß nicht, ich tue dir nichts!“ Das Pony schnaubte, schüttelte seine Mähne und trottete davon. Der Junge bemerkte, dass dessen Fell verschmutzt und struppig aussah.

Plötzlich schnarrte eine raue Stimme: „He, Bursche, sieh zu, dass du weg kommt. Du willst mir nur meine Kirschen klauen!“ Ein alter Mann schlurfte heran und hob drohend seinen Krückstock. Jonas rief: „ Nein, nein, ich habe nur das Pferd beobachtet, ich will keine Kirschen“. Schnell sprang er vom Tor herunter. Der Alte kam näher und öffnete dem Jungen das Tor, das quietschend aufschwang. Langsam kam das Pony wieder näher. Sanft tätschelte Jonas dessen Hals. „Wem gehört das Pferd und warum sieht es so schmutzig aus?“, fragte er den alten Mann. Jener entgegnete: „ Das Tier gehört keinem, ist zugelaufen. Ich habe ihn Toni getauft.“

Das Pony kam noch  näher und stupste Jonas an. Der Alte lachte. Er meinte: „ Nun kannst du ihn streicheln, Toni mag dich.“

Der Mann fragte Jonas, wie er hierher gekommen sei. Der Junge erzählte von seiner Einsamkeit, davon, wie traurig er sei. „Weißt du, Junge, ich kann dich verstehen. Früher lebte ich allein, bis mir eines Tages das Pony zulief.“

Er führte Toni an der Leine über die Wiese, dort ließ er ihn los. Toni galoppierte über die große Wiese. Der alte Mann schnalzte mit der Zunge, das Pony gehorchte ihm und kam zurück.

Jonas übte diesen Ton und siehe da, Toni gehorchte auch ihm!

„So, Jonas, komm’, setz’ dich auf das Pferd, ich halte dich!“ Toni lief ruhig mit ihm im Kreis.

Später zeigte der Alte dem Jungen im Schuppen, wie man das Fell Tonis striegelt oder seine Hufe mit einer Kratze säubert.

Mit Eifer striegelte Jonas. Er vergaß seinen Kummer. Als er auf seine Armbanduhr schaute, rief er laut: „ Oh weh, ich glaube, jetzt bekomme ich daheim Ärger! Es ist bereits 17 Uhr! Ich soll doch noch einige Lebensmittel für Mutti einkaufen!“

Jonas wollte sich flink verabschieden. Der Alte meinte: „ Warte noch einen kleinen Augenblick. Ich möchte dir noch etwas sagen. Toni und ich würden uns sehr freuen, wenn du wiederkommen würdest. Zeit hast du ja, solange dein Freund noch nicht wieder von der Reise zurück ist." Der Alte wies auf die Kirschbäume und meinte: „ Du solltest später unbedingt meine Kirschen kosten, ja?“

 

Jonas reichte dem Mann die Hand, bedankte sich für alles. Außerdem versprach er, dass er die beiden bald wieder besuchen würde.

Flink schwang er sich auf sein Rad, trällerte eine lustige Melodie vor sich hin, denn er hatte zwei neue Freunde gefunden. Seine Einsamkeit war vorbei, er freute sich schon auf den kommenden Tag.

                                                           © Silvia Grad- 2005

 

                             

 

 

 

 aktualisiert:10.August 08