Kurzgeschichten


Prinzessin hinter Dornengestrüpp

 

Vor Jahren habe ich einen Brombeerstrauch in meinen Garten gepflanzt, habe ihn gehegt und gepflegt.
Nun aber hat er scheinbar seine gute Erziehung vergessen, hat sich an einem unerlaubten Ort angesiedelt.
Seine Ranken haben schon die Johannisbeerbüsche abgewürgt und statt der roten Beeren hängen jetzt schwarze
Brombeeren zwischen den dürren Zweigen. Wenn es so weitergeht, wird der Garten bald eine Brombeerwüste sein!
Welch' Ironie der Natur! Und doch - auch ein Wunder, umschwirrt auch von summenden Bienen.
Im August reifen die köstlichen Früchte, überall blinken sie. Ich will sie pflücken und stehe im stacheligen Geäst. Es piekt und ritzt schmerzhaft. Meine Finger angeln nach den tiefblauschwarzen Köstlichkeiten.
Und siehe da! Ein Zaunkönig schlüpft sorglos durch die Ranken.Und da! Sitzt doch da ein Laubfrosch, ein kalter!
Sitzt gemütlich auf den Dornen - wie ein Fakir auf einem Nagelbett! Weich gibt seine Haut nach und er lässt sich Zeit mit dem Sitzen und scheint es sogar zu genießen.
Die schwarze Beere ist wie eine Prinzessin hinter Dornengestrüpp, bewacht von Leibwächtern mit drohenden Spießen.
Ein penibler Gärtner sagt:" Reiß dieses Gestrüpp heraus!" Der Künstler und Naturliebhaber ruft: " Wachsen lassen, so, wie es die Natur will!"
Und was sagen die Sinne?
" Die Brombeere wachse und gedeihe, gebe reichlich Früchte, labe uns mit Wein!"

Ja, wachsen lassen! So sei es denn: "Bleibe an deinem Platz!"

 

Knollenernte 1960

 

Endlich Herbstferien, freuten wir uns, als wir am letzten Tag vor den Herbstferien der Oberschule der Rücken kehrten.
Dabei störte es uns überhaupt nicht, dass wir die Hälfte der Zeit fern der Heimat verbringen sollten. Kartoffelernte war angesagt, und zwar hoch im Norden, in Röbel. Wir freuten uns darauf. Zum einen schien das Wetter schön zu werden, falls wir der Wettervorhersage trauen durften. Andererseits gefiel es uns, dass wir etwas Geld verdienen konnten.
Unsere Klassenlehrerin hatte uns darauf hingewiesen, dass wir allesamt, fünfzehn Mädchen und sieben Jungen, in einem Raum übernachten würden. Das kann ja heiter werden, malten wir uns in Gedanken aus.
Die Zugfahrt am nächsten Tag kam uns endlos vor. Glücklicherweise hatten wir alle nur wenig Kleidungsstücke, die zumeist in Rucksäcken verstaut waren, dabei. Wir wollten ja nur arbeiten und dazu reichten schon Trainingsanzug und Gummistiefel, meinten wir.
In Röbel holte uns ein Bauer mit Traktor und Anhänger vom Bahnhof ab. Frohgemut kletterten wir auf dieses Gefährt. Langsam setzte sich das Fahrzeug mit uns jungen Erntehelfern in Bewegung. Spaß gab es und auch kreischende Aufschreie der Mädchen, denn das Gefährt ruckelte über Stock und Stein. Das spürten wir besonders, weil die Sitzbänke ungepolstert waren. Endlich hielt der Bauer an. Wir befanden uns auf einem großen Bauernhof. Übermütig sprangen wir vom Anhänger. Endlich strecken! Jeder Muskel schien zu schmerzen, so durcheinander geschüttelt waren wir von der Fahrt.
" So", meinte der Bauer, " dann kommt mal alle mit!" Er öffnete das Scheunentor und erklärte:" Hier befinden sich eure Schlafplätze. Eure Lehrerin wird  euch gesagt haben, dass das hier keine Jugendherberge ist. Die Strohsäcke bezieht ihr mit der blau karierten Bettwäsche, die euch meine Frau dort in der Ecke aufgestapelt hat. Und wer weiß, vielleicht findet ihr Städter es mal schön, auf Strohsäcken zu schlafen. Will  mal hoffen, dass alle Flöhe ausgeflogen sind, " rief er und lachte schallend.
Stroh, Flöhe, dann alle Mädchen und Jungen zusammen in dieser riesigen Scheune, das wird etwas werden!
Doch es kam noch besser. Als es abends an die Körperpflege ging, suchten wir einen Waschraum, aber nirgendwo fanden wir einen. Stattdessen entdeckten unsere Jungen einen langen Waschzuber mitsamt Wasserpumpe im Freien - oh je - brrrrrr. Mich fröstelte schon, wenn ich daran dachte, wie kalt es morgens hier sein könnte. Nun ja, da muss ich durch, schließlich ist Landleben kein Zuckerschlecken, überlegte ich.
Als wir abends auf unseren Strohsäcken unserem ersten Erntetag entgegen schlummerten, ahnten wir noch nichts von  künftigen Strapazen.
Am nächsten Tag hatten wir uns schnell an den Waschzuber gewöhnt und genossen nach unserem "Waschzauber" das reichhaltige Frühstück mit Milch, Käse, Butter, Eiern Wurst, Honig und Bauernbrot. Das waren Köstlichkeiten, die wir daheim kaum zu kaufen bekamen.
Nach dem Frühstück kutschierte uns Bauer Franzen aufs Kartoffelfeld. Unendlich groß und kaum überschaubar schien es uns. Was für eine Vorstellung, von früh bis spät bücken und Kartoffeln in Kiepen sammeln! Meine Freundin schien auch nicht begeistert zu sein, wie ich unschwer ihrem Gesichtsausdruck entnehmen konnte. Aber immerhin würde der Bauer für eine volle Kiepe Kartoffeln fünfzig Pfennige zahlen. Da kommt sicher ein hübsches Sümmchen zusammen, spekulierten wir.
Pferde zogen den Kartoffelroder, und die Knollen wurden zur Seite geschleudert. Hinter dem Gespann scharten wir uns, immer paarweise, den Weidenkorb mitziehend. Schon nach zwei Stunden verlangsamten sich unsere Bewegungen. Jede Kiepe schleppten wir zum Anhänger. Die Jungen nahmen sie uns ab und kippten die Kartoffeln auf den Wagen. Für jeden Korb gab es die heißbegehrte und hart erarbeitete runde Zählplakette.
Immer wieder bückten wir uns, sammelten die Früchte, warfen sie in die Körbe und schoben uns, im wahrsten Sinne des Wortes, weiter. Meine Güte, das nahm ja kein Ende! Zum Glück lachte uns die Sonne und ermunterte uns, ohne Murren weiter Kartoffeln zu sammeln.
Wir fühlten schon etliche dieser kleinen runden Erntemarken in unseren Hosentaschen und malten uns in Gedanken aus, dass wir "reich" seien, wenn wir heim kommen.
Aber unser Arbeitselan ließ mehr und mehr nach. Endlich Mittagszeit - eine Stunde, um auszuruhen!

Der Bauer brachte uns eine große Kanne mit heißem Kräutertee und riesige Speckfettbemmen ( Das ist sächsisch und bedeutet: Brotscheiben mit Speckfett.) Wir ließen uns am Waldrand nieder, denn die Mittagssonne brannte sehr.
Mit Riesenappetit vertilgten wir die dicken Fettbrote. Müde waren wir nun, aber die eine Stunde Mittagszeit verging viel zu schnell. Jetzt hieß es wieder fleißig sein.
Zusehens schwanden die Kräfte. Da es uns zu mühsam wurde, ständig in Bückstellung vorwärts zu gehen, blieben wir auf den Knien und meinten, auf diese Weise wohl den "Kiepenweltrekord" brechen zu können. Als wir abends die Glückstaler zählten, machte sich Enttäuschung in unseren Gesichtern breit. Na ja, morgen ist auch noch ein Tag!

Dieser erste Abend belohnte uns mit einem romantischen Zauber. Wir zündeten mit dem Kartoffelkraut ein Feuerchen an, warfen einige kleine Kartoffelknollen hinein, die wir am Rande des Feldes gefunden hatten. Oh, wie das duftete! Ein dünnes Rauchfähnchen wehte übers Feld. Wir kosteten die kleinen Früchte - hmm - lecker!
In dieser Stimmung fühlten wir nicht, wie müde wir waren. Ich stimmte das Lied an "Bunt sind schon die Wälder, gelb die Stoppelfelder und der Herbst beginnt". Wir Mädchen staunten, denn sogar unsere Jungen fielen mit ihren tiefen Stimmen in den Gesang ein.

An diesem Abend mussten wir zu unserem Nachtlager laufen. Ich spürte, wie sehr mein Rücken schmerzte. Abendliches Waschen fiel aus, wir lagen aus dem Strohlager und waren auf der Stelle eingeschlafen.
An den Arbeitsalltag gewöhnten wir uns allmählich, und ehe wir uns versahen, waren die Erntetage vorüber.
Endlich, endlich konnte ich daheim mein lang erträumtes Fahrrad, auf das ich schon geraume Zeit gespart hatte, kaufen.
Zwar habe ich vergessen, wie viel Geld ich damals verdient hatte, aber jene Ernteaktion werde ich nie vergessen.

Immer, wenn der Oktober ins Land weht, erinnere ich mich an das "Kartoffelstoppeln".

 

Herbstreife Äpfel
hängen an Chausseebäumen
Stare in Schwärmen
fliegen über Stoppelfelder

Kartoffelfeuer lodern

 

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Kartoffelplinsen
kreischen in der Pfanne
Großmutters Rezept

 

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aktualisiert:
April 2011

 

 

 

 

 

 

 

                          

                 

                                             

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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