Kurzgeschichten


 

 

Geschichten um ein rotes Früchtchen

 

Ein Sommer vor mehr als vier Jahrzehnten. Heiß ist es. Die Sonne macht kaum Pause.

Wir Schüler einer neunten Klasse freuen uns riesig, als wir  hitzefrei bekommen.

Toll, denn ich hab’ schon einen Plan für den Nachmittag mit meiner Freundin Sabine geschmiedet.

Nach Verlassen des stickigen Schulgebäudes schwingen wir uns auf unsere Fahrräder und radeln zum Garten meiner Familie. Endlos scheint die Strecke, zumal es fast nur bergan geht. Sabine fährt hinter mir, sie ruft plötzlich: „Halte mal an – ich bin knülle!“ Wir steigen von den Rädern ab und ruhen uns eine Weile auf dem Fußweg aus, setzen uns ins Gras an den Rand.

Sabine verträgt wenig Sonne. Sie ist ein blasser Menschentyp. Ich hingegen kann von Sonne nicht genug bekommen. Zudem bin ich ein wenig „trainiert“, denn ich arbeite manchmal in den Ferien bei einem Gärtner, helfe auch beim Ernten auf Feldern.

Meine Freundin ist ein kleines Püppchen: nach dem neuesten modischen Trend der DDR –Mode gekleidet, leicht geschminkt – die langen, blonden Haare zu einem Dutt aufgesteckt. Heute zieren weiße Leinenschuhe ihre Füße, obgleich unser Ausflug vorgeplant war. Ich hingegen mag praktische, zeitlose Klamotten und schminke mich auch nicht.

Inzwischen hat sich meine Freundin ein wenig erholt. Wir fahren weiter. Kräftig müssen wir in die Pedale treten, denn die Räder sind damals ohne Gangschaltung.

Endlich – endlich am Ziel! Geschafft!

Ich schiebe den Riegel des Gartentores zurück, unsere Räder lehnen wir an den Zaun.

Hinter großen Büschen Sommerflieder, auf dem sich Scharen von Tagpfauenaugen tummeln, befindet sich unsere kleine Laube, davor eine Holzbank. Erschöpft lassen wir uns auf jene fallen. Hui – sogar mir wird’s warm!

Aus der Laube hole ich einen Krug mit Tee, genüsslich trinken wir davon.

Ich schau auf meine Armbanduhr.Erstaunt rufe ich aus: „Oh, schon so spät! Wir haben gar nicht mehr soviel Zeit, denn ich noch muss zu meiner Großmutter. Schauen wir mal, ob wir einige süße Früchtchen ernten können. Die Sorte „Mieze Schindler“, auf jene hat mein Vater wache Augen. Diese schmeckt besonders aromatisch, weißt du, fast wie Brombeeren oder besser noch... wie eine Praline... hahaha.“

Die Sonne brennt – die Beeren duften verführerisch. Zwei Hände voller Früchte ernte ich, zähle sie, teile sie schwesterlich mit Sabine.

Oh – ein Geschmack – lecker! Eine Frucht nach der anderen verzehren wir genüsslich. Eine Weile bleiben wir noch im Garten. Wir beobachten die Tagpfauenaugen, die mit ihrem Farbenspiel unsre Blicke magisch anziehen.

Plötzlich meint meine Freundin: „ Ach, du lieber Schreck – ich hab’s ja völlig vergessen, ich muss heim, meine Tante kommt heute zu Besuch!“

Eilig schwingen wir uns auf die Fahrräder. Schnell sind wir, denn es geht dieses Mal bergab.

Als mein Vater am nächsten Tag „seine Beeren“ ernten will, gerät er fast in Wut, dass nur noch wenige der Köstlichkeiten vorhanden sind. Später gibt er mir zu verstehen, ich solle es nicht noch einmal wagen, in „seinen Garten“ zu gehen und „fremde Leute“ mitzunehmen. Mit diesen meint es meine Freundin. Das geht in meine Seele, denn schließlich ist Sabine meine beste Freundin. Mein Vater weiß das. Doch stets wird er von seinem Geiz beherrscht, auch später noch. Aber das ist eine andere Geschichte.

Diese hier kommt mir in den Sinn, als ich in einem Erdbeerfeld Früchte suche. Jene sind nicht so köstlich wie jene „verbotenen“ von damals. Das liegt auch am Wetter, da die Sonne Dauerurlaub hat.

Die Mühen des Bückens lohnen sich. Ich pflücke nur die mittelgroßen, reifen Früchte. Und – siehe da – die Sonne gibt sich die Ehre!

Mein Spankorb ist gefüllt bis zum Rand und mein Magen auch.

Nach Bezahlen der Ware fahre ich, im Auto fröhlich singend, heim.

Wieder schweifen meine Gedanken zurück in meine Jugendzeit. Erinnerungen an mein erstes Fahrrad, an meine Freundin, an meinen Vater, zu dem ich nie ein Tochter – Vater – Gefühl aufbauen konnte...

Egal – denke ich, was vorbei ist, ist vorbei!

Meine kleinen Früchtchen werde ich zu Konfitüre verarbeiten, eine Torte backen und einige Erdbeeren pürieren, wie es Oma damals tat.. etwas Milch dazu geben und fertig ist der „Erdbeermansch“. Dazu werden Zwiebäcke gereicht. Genießen und... träumen. von damals... oder besser nicht?

Als ich daheim bin und die Konfitüre bereite, tauchen wieder Bilder der Kindheit auf.

Ein Regentag kommt mir in den Sinn. Es gießt aus Kannen. Der Juni meint es nicht gut, denn die Sonne ist kaum zu sehen. Dennoch muss ich, damals achtjährig, mit in den Garten.

Die roten Früchte locken, mir läuft das Wasser im Mund zusammen.

Als ich die ersten Beeren pflücken will, tummeln sich unter dem Laub eklige, braune Viecher, Schnecken genannt. Sie veranstalten eine Art „Fressgelage“, liegen unter den schönsten und reifsten Früchten. Sechs Reihen, davon zwei Zweijährige, zwei Einjährige und zwei neue Pflanzreihen! Wo fange ich nur an?

Nun gut – zuerst an die jungen Pflanzen! Da sehe ich die Köstlichkeiten gleich, ohne das Laub hochheben zu müssen!

Vorsichtig schleiche ich durch die Reihen und achte darauf, nicht auf diese schmierigen Viecher zu treten. Mich schüttelts vor Ekel bei deren Anblick.

Endlich – zwei Reihen geschafft!

Es regnet noch immer und trotz meines Regenmantels und der Gummistiefel fühle ich, wie meine Hose nass an meinen Beinen klebt.

Plötzlich entdecke ich zwei Schneckentiere, die sich im Doppelpack zu diesen Beeren begeben.

Na, wartet, euch wird’ ich’s zeigen! Ich flitze in den Geräteschuppen, ziehe Gummihandschuhe an, eile zurück, nehme diese Viecher hoch und, schwups..landen sie in der Mülltonne. Hihihi- denke ich. ausgetrickst!

Die Erdbeeren täuschen mich arglistig. Oben leuchten sie rot, drehe ich sie herum, sind sie grün. Nur buschähnliche Blätter, eine Menge Unkraut dazwischen... finde da mal eine Beere!

Da... entdecke ich eine wunderschöne, tiefrot. „ Iiiiiii!“, schreie ich laut, als ich wieder eine Schnecke entdecke. Doch auf bereits beschriebene Art werde ich sie los.

So – gleich geschafft! Mein Spankorb ist fast voll mit Erdbeeren.

Wie aus dem Nichts, urplötzlich, bricht ein Regenschauer über mich herein.

Klatschnass bin ich und schimpfe laut. „ Na toll, das fehlte noch!“

Ich schnappe den Korb und laufe eilends heim, wo Oma bereits auf die Köstlichkeiten wartet, um sie zu verarbeiten und einige davon den Kindern zuzuteilen.

Jäh werden meine Gedanken unterbrochen. Es klingelt Sturm. Ich öffne. Mein Enkel steht vor der Tür und ruft: „Hallo, Oma, hast du Erdbeertorte gebacken?“

„Komm’ rein, ja, du musst dich nur noch ein wenig gedulden – der Tortenguss ist noch nicht fest.“

Als die Torte auf dem Tisch steht, Sahne dazu und Kaffee – da verspult mein Enkel, sage und schreibe, die Hälfte davon!

Wie sich die Zeiten doch ändern...

 

 

 

Knollenernte 1960

 

Endlich Herbstferien, dachten wir, als wir am letzten Tag vor den Herbstferien der Schule den Rücken kehrten.

Dabei störte es uns in keiner Weise, dass wir die Hälfte der Zeit fern der Heimat verbringen sollten. Kartoffelernte war angesagt, und zwar oben im Norden, in Röbel. Wir freuten uns darauf. Zum einen schien das Wetter schön zu werden, wenn wir der Wettervorhersage trauen durften. Andererseits gefiel es uns, dass wir uns etwas Geld verdienen durften.

Unsere Klassenlehrerin hatte uns darauf hingewiesen, dass wir allesamt, sieben Jungen und fünfzehn Mädchen, in einem Raum übernachten würden. Das kann heiter werden, malten wir uns in Gedanken aus.

 

Die Fahrt mit dem Zug am nächsten Tag schien uns endlos. Glücklicherweise hatten wir alle nur wenig Kleidungsstücke, die zumeist in Rucksäcken verstaut waren, dabei. Wir wollten ja nur arbeiten und dazu reichten  schon Trainingsanzug und Gummistiefel, meinten wir.

In Röbel holte uns ein Bauer mit Traktor und Hänger vom Bahnhof ab. Wir kletterten frohgemut auf dieses urige Gefährt. Langsam setzte sich der Zug der zukünftigen Erntehelfer in Bewegung. Spaß gab es und auch kreischende Aufschreie der Mädels, denn das Gefährt ruckelte über Stock und Stein. Das wiederum spürte man, denn die Sitzbänke entbehrten der Polsterung. Endlich hielt der Bauer an. Wir befanden uns auf einem großen Bauernhof.

Froh gelaunt sprangen wir vom Hänger. Meine Güte, endlich strecken! Es tat alles weh, so durcheinander geschüttelt waren wir von jener ungewohnten Fahrt.

 

„So“, meinte der Bauer, „dann kommt alle mal mit!“ Er öffnete das große Scheunentor und erklärte: „Hier werdet ihr eure Schlafgelegenheiten haben. Eure Lehrerin wird es euch mitgeteilt haben, dass dies keine Jugendherberge ist. Die Strohsäcke bezieht ihr noch mit der karierten Bettwäsche, die euch meine Frau in der  Ecke dort aufgestapelt hat. Vielleicht, ja, wer weiß, findet ihr es ja sogar schön, auf Stroh zu schlafen. Will nur hoffen, dass alle Flöhe ausgeflogen sind“, meinte er und lachte schallend.

Meine Güte, Stroh, Flöhe, dann... alle in einer riesigen Scheune, das konnte was werden!

 

Doch es kam noch besser. Als es abends ans Waschen ging, suchten wir einen Waschraum, doch nichts dergleichen weit und breit. Stattdessen entdeckten unsere Jungs einen langen Waschzuber mitsamt Wasserpumpe  im Freien – oh je, brr. Mich fröstelte schon, wenn ich daran dachte, wie kalt es morgens hier sein könnte. Nun – da muss ich durch, schließlich ist Landleben kein Zuckerschlecken, überlegte ich.

Als wir abends auf unseren Strohsäcken unseren ersten Erntetag entgegen schlummerten, ahnten wir noch nichts von künftigen Strapazen.

 

Am  nächsten Tag hatten wir uns schon  an den Waschzuber gewöhnt und genossen das reiche Frühstück, mit Milch, Käse. Wurst und Honig. Das waren  Dinge, die wir daheim nicht reichlich hatten. Nach dem Frühstück kutschierte uns Bauer Franzen  in unserer Erntekluft aufs Feld.

 

Unendlich groß und kaum überschaubar schien es uns.

Meine Güte, oh je – von früh bis spät bücken und Kartoffeln in Kiepen sammeln! Meine Freundin schien auch nicht begeistert zu sein, wie ich an ihrem Gesichtsausdruck erkennen konnte. Aber  immerhin würde Bauer Franzen uns für eine volle Kiepe fünfzig Pfennige zahlen. Da kommt bestimmt ein hübsches Sümmchen zusammen, spekulierten wir.

Pferde zogen den Kartoffelroder und die Knollen wurden zur Seite geschleudert.

Hinter dem Gespann scharten wir uns, immer paarweise, den Weidenkorb mitziehend. Schon nach zwei Stunden wurden wir in unseren Bewegungen langsamer. Wir schleppten jede volle Kiepe  zum Anhänger. Die Jungen kippten sie ab, denn unsere Kraft reichte für solch’ Arbeit nicht. Für jeden Weidenkorb voller Kartoffeln gab es die heißbegehrte und hart erarbeitete runde Zählplakette.

Erneut  bückten  wir uns, sammelten die Früchte, warfen sie in die Weidenkörbe und schoben uns, im wahrsten Sinne des Wortes, weiter. Meine Güte, das nahm ja kein Ende! Zum Glück lachte die Sonne und ermunterte uns, ohne Murren weiter zu buckeln. Wir fühlten schon einige dieser kleinen runden Erntemarken in unseren Hosentaschen und malten uns in Gedanken aus, dass wir wohl „reich“ daheim ankommen würden.

Aber stetig ließ unser Arbeitselan nach. Endlich –Mittagszeit, eine Stunde Ausruhen! .

 

Der Bauer brachte uns eine große Kanne heißen Kräutertees und riesige Speckfettbemmen ( das ist sächsisch und bedeutet: Brotschnitten mit Speckfett) aufs Feld.

Wir ließen uns am Waldrand nieder, denn die Mittagssonne heizte ganz schön ein.

Mit Riesenappetit verschlangen wir die dicken  Fettbrote. Wir Mädels waren nach dem Essen ziemlich müde, die Jungen hingegen spielten sogar noch Karten. Oh, wenn ich jetzt meinen Strohsack hier hätte, dachte ich und wäre fast eingenickt.

Die  Stunde war schneller als vermutet um und es ging wieder in die Ernteaktion.

 

Zusehens schwanden unsere Kräfte. Da es uns zu mühsam wurde, ständig in Bückstellung zu gehen, blieben wir gleich auf den Knien und meinten, dass wir wohl auf diese Weise den „Kiepenweltrekord“ brechen könnten. Aber Pustekuchen! Als wir abends die kleinen Plaketten zählten, machte sich Enttäuschung in unseren Gesichtern breit. Na ja, morgen war  ja auch noch ein Tag!

 

Dieser erste Abend brachte uns noch ein romantisches Erlebnis. Wir zündeten mit dem Kartoffelkraut ein Feuerchen an, warfen einige kleiner Knollen hinein, die wir am Rand des Feldes fanden.  Oh, wie das duftete... ein dünnes Rauchfähnchen wehte übers Feld. Wir probierten, wenn auch ohne Salz, diese gebratenen Früchte-

mmhh– wie köstlich! In dieser Stimmung fühlten wir nicht, wie müde wir waren und ich stimmte das Lied „Bunt sind schon die Wälder"an. Zum Erstaunen der Mädels- unsere Jungs brummten auch mit.

Dieses Mal wurden wir nicht vom Bauern zum Gehöft kutschiert und wir mussten laufen. Oh, jetzt spürten wir auch, wie der Rücken ‚arbeitete’.

Zum Waschen kamen wir im Gehöft nicht mehr, wir fielen auf unsere Strohlager und waren ein, zwei, drei – eingeschlafen.

An jenen Trott gewöhnten wir uns allmählich. Ehe wir uns versahen, waren die Erntetage vorbei. Was ich damals an Geld mit heim nahm, das verwendete ich, um mir endlich ein neues Fahrrad zu kaufen. Zwar habe ich meine Verdienstsumme von damals vergessen, jedoch jene Ernteaktion nicht. Und immer, wenn der Oktober ins Land weht, erinnere ich mich an damals, an jene schwere, aber schöne Zeit –

an das ‚Kartoffelstoppeln’.                                                                                  S.G./ 05

 

 

Kartoffelplinsen

kreischen in der Pfanne

Großmutters Rezept

Haiku – S.G. –04

 

 

aktualisiert: 3.08.06